Von Fuenterroble de Salvatierra nach San Pedro de Rozados
Wetter: Heute Morgen war es kühl und dicke, graue Wolken zogen sehr tief nach Norden. Es sah nach Regen aus. Nachmittags war der Himmel wieder blau und die Temperaturen angenehm
Die italienischen Pilgerbrüder im Massenlager, in dem auch ich schlief, sind heute schon um 5 Uhr zu Ihrer Tagesetappe aufgebrochen. Ich weiss nicht, warum sie das tun, aber davon bin ich aufgewacht. Als der Spuk vorbei war, konnte ich noch ein Stündchen weiterschlafen. Dann habe ich mich zum Chef des Hauses in der Küche gesellt, denn dort gab es Frühstück. Das war ausgesprochen lecker und bestand u.a. aus einem gekochten Ei. Das habe ich schon lange nicht mehr gegessen!
Der Chef des Hauses war mit den Vorbereitungen des Pilgeressens für heute Abend beschäftigt und war sichtlich guter Laune. Er sang dabei. Ich stelle mir vor: Abend für Abend eine neue Gruppe von Pilger*innen, und dann Pilgermesse, Abendessen und Gespräche mit dem Priester und dem Chef des Hauses. Wenn morgens alle Übernachtungsgäste die Herberge verlassen haben, müssen die Schlafräume und die Wolldecken gereinigt werden, ebenso die Waschräume und Toiletten, der grosse Aufenthaltsraum und die Küche, und die weitläufigen Aussenanlagen. Einkaufen und Essenkochen und vieles mehr wird täglich auf der Pflichtenliste stehen. All‘ das ein echter Liebesdienst?
Die Herberge ‚Santa Maria de Fuenterroble de Salvatierra‘ ist eine Donativo-Herberge. Das heisst, dass es keinen fixen Preis gibt, der für Übernachtung, Abendessen und Frühstück bezahlt werden muss. Jeder zahlt, was ihm der Aufenthalt wert ist/war. Kommt damit genug Geld zusammen, damit alle zufrieden sind und der Laden läuft? Bekommen der Priester und der Chef des Hauses ein reguläres Gehalt? Ich weiss das (leider) nicht.
Ich habe im Haus Schachteln mit Gemüse gesehen, das sicher sein Haltbarkeitsdatum überschritten hatte. Ich vermute, es handelt sich um Spenden von Läden und Privatleuten, die in ihrem Garten mehr produzieren als sie selbst verbrauchen.
Und noch einmal: All das ein grosser Liebesdienst? Ich denke ja – wie immer die Details aussehen. Ein sehr grosser!
Nach meinem Frühstück habe ich mich vom Chef des Hauses verabschiedet und bin – satt und zufrieden – in Richtung Bergkette ‚Sierra de la Duena‘ gelaufen. Das war nicht so einfach, denn ich konnte sie nicht sehen. Um diese Zeit ist es hier noch stockdunkel.
Die Wegführung ist im Wanderführer in der Regel gut beschrieben und die könnte dann so lauten: Den Ort auf der Hauptstrasse in nördlicher Richtung verlassen, nach etwa 300 m hinter dem Ortsschild nach rechts in die Landstrasse einbiegen und ihr 2 km folgen. Dann links auf die Schotterpiste abbiegen und auf ihr 5 km immer geradeaus nach Norden laufen.
Wenn man eine solche Anweisung verstanden hat und sie sich merken kann, kann man ihr folgen, ohne alle Details sehen zu müssen. Manche Pilger, die im Dunklen starten, tragen eine Kopfleuchte und suchen an den Abzweigen nach den gelben Pfeilen. Andere halten ein GPS-Gerät vor sich und folgen dem. Ich suche mit einer Taschenlampe nach den gelben Pfeilen. Schwierig wird es für mich im Dunkeln, wenn der Weg von schlechter Qualität ist, wie z.B. aus grossen, losen Schottersteinen besteht, zerfurcht ist von Radspuren oder sogar Wasserlöcher hat. Dann muss ich mit einer Taschenlampe vor mich auf den Weg leuchten, um einigermassen sicher unterwegs zu sein. Das ist auf Dauer sehr mühsam und ich verzichte lieber auf den frühen Start.

Auf der Bergkette ‚Sierra de la Duena‘ stehen viele Windräder. Der Aufstieg dort hoch war eine schweisstreibende Angelegenheit und dauerte bis mittags.

Für die Natur war dort oben noch Winter. Fasziniert haben mich unendlich viele, ganz kleine Narzissen.

Der Abstieg auf der anderen Seite und der Weg zum Ort San Pedro de Rozados hat noch einmal gute 3 Stunden gedauert. Zwischen Start meiner Etappe und Ankunft am Ziel habe ich einen anderen Menschen gesehen: Ein schneller, spanischer Pilger, der mich in einer Picknick-Pause überholt hat.

Die Herberge, in der ich eigentlich übernachten wollte, gibt es nicht mehr. Ein Hotel mit angeschlossener Pilgerherberge war die einzige Alternative. Die Herbergsmutter war sehr nett und sagte zu, dass ich gleich essen könne. Ich war hungrig und habe mich darüber sehr gefreut. Das Essen war dann auch ausgesprochen lecker, so dass ich die kühle Atmosphäre in der Pilgerherberge ignorieren konnte. Ich war dort übrigens der einzige Gast, während das Hotel gut belegt war (d.h. von 4 Pilgerpärchen). Abends in meinem kalten Schlafsack hatte ich das Gefühl, dass ich mir eine Erkältung eingefangen habe. Während der letzten Tage haben in den Schlafräumen der Herbergen viele Gäste gehustet, geschnupft und geniesst.