Von Ourense nach Cea
Wetter: Vormittags bestes Wanderwetter, nachmittags zu warm zum Laufen und zum Rucksack-Tragen. Aber man kann sich nicht alles aussuchen!
Letzte Nacht war ich immer wieder wach. Der Stress, die Herberge nicht finden zu können, sass mir noch in den Knochen. Gleichzeitig war ich sehr glücklich, dass ich sie mit der Hilfe eines Engels doch noch gefunden habe.
Für eine Weile habe ich frühmorgens überlegt, ob ich noch einen Tag in Ourense bleiben möchte. Altstadt und Kathedrale gefallen mir gut, beide sind aber denen von Santiago de Compostela sehr ähnlich. Und so habe ich heute morgen meine Brocken zusammengepackt, um Santiago de Compostela näher zu kommen.
Der Versuch, dazu den gelben Pfeilen von der Kathedrale von Ourense zu folgen, war nicht sehr erfolgreich. Es war einfach noch zu dunkel dafür. Einer der im Wanderführer zuletzt erwähnten Orte, den man passieren muss, um die Stadt zu verlassen, ist die alte, römische Brücke ‚Puente Romano‘. Die findet auch Google Maps und deshalb auch ich!

Kurz vor der ‚Puente Romano‘ kam ich an einer einladend aussehenden Café-Bar vorbei und so war ich bald zufrieden und satt am Startpunkt der heutigen Etappe (ich hatte mich für die ‚rechte Variante‘ dieser Etappe entschieden). Dort traf ich einen Spanier, der mir immer wieder einmal begegnet. Wir können nur sehr wenig miteinander sprechen, aber wir sind uns sympathisch. Und so wünschten wir uns ein ‚Bon Camino’. Da er etwas schneller unterwegs ist als ich, war er bald aus meinem Blickfeld verschwunden.

In einem langen, anstrengenden Aufstieg traf ich die zwei Australierinnen Kethlin und Kethy, beide in meinem Alter. Wir schwätzten eine Weile zusammen und dann hängten die mich ab.
Die heutige Etappe war lang und anspruchsvoll. Sie enthielt holprige Pfade in Wäldern, die nur wenig mit Pfeilen gekennzeichnet waren. Für diese Wegstücke braucht es viel Intuition, aber auch dort habe ich mich nicht verlaufen.
An einer Wegkreuzung habe ich etwas Überraschendes gesehen. Ich habe euch vor ein paar Tagen von den Galicischen Steinblöcken erzählt, auf denen geschrieben steht, wie weit es noch bis Santiago de Compostela ist. 99.511 km stand auf diesem. Weniger als 100 Kilometer – das schaffe ich!

Im Zielort der heutigen Etappe, Cea mit etwa 800 Einwohnern, hatte ich den Eindruck, dass die Menschen hier ihren Wohnort lieben; auch die Pilgerherberge mit 42 Betten strahlt das aus. Als Schlafgäste registriert waren dann schliesslich die zwei Australierinnen, der polnische Pilger, mit dem ich die vergangenen Tage immer wieder geplaudert habe und ich.
Kethlin und Kethy waren hungrig und waren schon bald im Dorf unterwegs, um ein ‚Speiselokal‘ zu finden, über das eine Info an der Eingangstür der Herberge berichtet. Sie kamen nach einer ganzen Weile zurück und strahlten. Ausgesprochen lecker wäre es gewesen, aber viel zu viel.
Das musste ich mir anschauen! Hungrig genug zum viel Essen bin ich gewesen. Leider hatten die beiden vergessen mir zu berichten, wie weit weg dieses ‚Speiselokal‘ war.

Aber schliesslich bin ich auch dort angekommen, habe vom Lob der Australierinnen berichtet, und erwähnt, dass ich dieses leckere Essen auch gern probieren würde. Daraus wurde dann der folgende Deal: Statt bis um 20 Uhr auf das Ende der Siesta zu warten, würde sie jetzt für mich kochen, aber sie bestimmt, was auf den Teller kommt. Ich habe Weisswein dazu gewünscht. Welcher passt, hat ebenfalls die Köchin bestimmt (und er hat gepasst).
Das Fazit: Alle waren glücklich und zufrieden (und ich auch satt). Was für ein grossartiger Tag!