Von Torremejia nach Mérida
Wetter: Feinstes Sommerwetter, warm, blauer Himmel mit gelegentlichen Zirrus-Wolken
Obwohl heute Sonntag ist, gab es im Café-Restaurant, in dem wir gestern zu Abend gegessen haben, ein frühes Frühstück. Der Wirt ist nett und sehr hilfsbereit, und anscheinend auch ein guter Geschäftsmann. Und so waren zum Hellwerden alle zufrieden.
Die erste Hälfte des Weges haben Mike, Lukas, Kim und ich auf dem Seitenstreifen einer wenig befahrenen Nationalstrasse zurückgelegt.

Die zweite Hälfte führte durch Felder und Brachland, schon bald konnten wir am Horizont unser Etappenziel, die Stadt Mérida sehen. Am Stadtrand warteten auf uns das hier übliche Sammelsurium von einfachen Hütten mit Wachhunden auf umzäunten Grundstücken, Berge von Müll, leerstehende Häuser, staubige Strassen, improvisiertes Irgendwas. Ich bin immer wieder überrascht, wie wenig Liebe die Menschen hier in ihren Lebensort investieren.
Mérida war mit etwa 50’000 Einwohnern die grösste und bedeutendste Stadt im Römischen Reich auf der Iberischen Halbinsel. Der Bau der 800 m langen, 60-bogigen ‚Puente Romano‘ wurde um 25 vor Christus begonnen und war eine der grössten Brücken des Römischen Reichs überhaupt.

Ich habe noch heute die gut erhaltenden Ruinen des römischen Amphitheaters und Theaters angeschaut, die mich beide sehr beeindruckt haben. Sie befinden sich nebeneinander im Stadtzentrum und sind gut zu Fuss erreichbar.

In einem römischen Amphitheater (Rundtheater) fanden die Gladiatorenkämpfe, Tierjagden und Hinrichtungen statt. Die Sitzreihen sind rundherum stufenförmig angeordnet. Ein Amphitheater hatte in der Regel kein geschlossenes Dach, konnte aber mit einem Sonnensegel bestückt werden. Das Amphitheater von Mérida wurde 8 vor Christus eröffnet und fasste 14’000 Zuschauer.

In einem römischen Theater wurden Theaterstücke (bevorzugt Komödien) gespielt. Die Sitzreihen sind in einem Halbkreis angeordnet. Das Theater von Mérida wurde 15 vor Christus eröffnet und fasste 6’000 Zuschauer. Diese wurden je nach sozialer Schicht von unten nach oben in drei Sektoren verteilt, die durch Barrieren und Korridore voneinander getrennt waren. Die Bühne war 60 m breit und mit Holz bedeckt. Hinter der Bühne befand sich eine 30 Meter hohen Wand, die aus prunkvollen korinthischen Säulen aufgebaut war. Zwischen den Säulen befanden sich prachtvolle Statuen.

Im Theater habe ich die beiden französischen Pilgerschwestern Solange und Nadine wiedergetroffen. Wir haben eine ganze Weile dort gesessen und über unsere Leben gesprochen. Das war sehr persönlich und ausgesprochen interessant.
Die Pilgerherberge von Mérida liegt direkt am Fluss Guadiana und besteht aus einem langen, engen Schlafraum mit 8 Doppelstockbetten, der Rezeption, eine Miniaturküche, eine Toiletten/Dusche-Kombination für die Frauen und eine für die Männer. WLAN hat es keins und als ich geduscht habe, gab es auch nur kaltes Wasser. Nun ja, alle haben hier ein Bett bekommen und die Stimmung ist gut.

In der Herberge habe ich eine Weile mit Stefanie aus Österreich gesprochen. Sie ist 72 und allein unterwegs, wir sind uns in den letzten Tagen schon ein paar Mal begegnet. Stefanie berichtete, dass sie seit 16 Jahren auf ‚Weltreise‘ ist und keinen Ort mehr hat, der ihr Zuhause ist. Es gäbe nur 2 kleine Kisten mit Erinnerungen und Dokumenten, alles andere hätte sie in ihrem Rucksack. An ihrer letzten Arbeitsstelle in Südfrankreich hat sie Gymnastik und Ballett unterrichtet. Solche Lebensgeschichten zu hören, machen das Pilgern auf Jakobswegen für mich so interessant.