Von Lubian nach A Gudina
Wetter: Der Tag war grau und es blies ein sehr kalter Wind, gelegentlich regnete es etwas
In der Herberge von Lubian mit 16 Betten haben wir zu dritt übernachtet: Ein polnischer Pilgerbruder vom Typ ‚frisch pensioniert‘, Mikel und ich. Als Mikel und ich gegen 6:45 Uhr unsere Sachen zusammenpackten, war der polnische Pilger schon weg.
Mikel und ich sind erst einmal durchs Dorf zur Café-Bar an der Hauptstrasse gelaufen und haben dort gefrühstückt. Zum Hellwerden sind wir dann zur heutigen, wiederum recht schweren Etappe, aufgebrochen. Von Lubian, hoch an einem Berghang gelegen, sind wir erst einmal lange und tief zu einem Flüsschen abgestiegen. Auf der anderen Talseite sind wir in grossen Schlaufen immer höher geklettert. Der Weg war zum Teil sehr steil und es gab immer wieder Rinnsale und Pfützen vom letzten Regen, die wir umrunden mussten. Das brauchte Kraft und grosse Konzentration.

Endlich oben angekommen, hätten wir gern die Rucksäcke abgenommen, eine Kleinigkeit gegessen und den Rundum-Blick genossen. Der kalte Wind, der dort blies, hat das verhindert und so sind wir schon bald nach Westen abgestiegen.

Oben auf dem gerade überstiegenem A-Canda-Pass ist auch die Grenze zwischen den autonomen Regionen Kastilien-Leon (hier war ich die letzten Wochen) und Galicien (dort werde ich bis zum Ende meiner Reise sein).

Galicien investiert viel in die Infrastruktur der Jakobswege und in Pilgerherbergen, und so war der galicische Weg zum heutigen Etappenziel A Gudina ein Genuss, ganz ohne Wasserlöcher und grosse Unebenheiten.
Im Weiler Vilavella haben wir eine Kleinigkeit zu Mittag gegessen. Der weitere Weg nach A Gudina war ein stetes Auf und Ab und dadurch sehr anstrengend. Am Stadtrand hat mir Mikel mitgeteilt, dass er nicht in A Gudina bleiben möchte, sondern nur Bargeld beziehen, etwas essen und dann weiterlaufen will, um die morgige, lange Etappe von 35 km abzukürzen. Wo er heute übernachten will, ist mir nicht klar geworden. In meinem Wanderführer sind es mindestens 20 km bis zur nächsten Herberge. Ich habe ihn aber nicht gefragt.
Mikel hat für seine Wanderung auf der Via de la Plata einen sehr engen Zeitplan; sein Rückflug ist gebucht und berufliche Termine für die Tage nach seiner Rückkehr schon geplant. Daran ist anscheinend nichts zu ändern und ich musste nur die Frage beantworten, ob ich mitrennen will. Die Antwort war rasch gefunden: Nein, will ich nicht! Meine Beine hatten genug für heute. Ich wollte ein Bett, eine Dusche, Proviant für morgen einkaufen, ein bisschen ausspannen. Und so haben wir uns an der Hauptstrasse von A Gudina alles Gute gewünscht. Für mich heisst das erst einmal allein weiterlaufen. Zurzeit sind 5 Italiener*innen und ein Pole in Richtung Santiago unterwegs, die alle um 5 Uhr morgens mit Taschenlampen losrennen. Nein, das will ich auch nicht.
Und so habe ich erst einmal die Pilgerherberge von A Gudina gesucht. Das Haus mit der Adresse aus meinem Wanderführer war geschlossen. Auf einem kleinen Zettel stand etwas von einer neuen Herberge, leider ohne Erklärung, wo ich die finde. Ich bin zur Hauptstrasse zurückgelaufen, etwas ratlos und habe nach den gelben Pfeilen für den Weiterweg gesucht. Da spricht mich eine junge Frau an und fragt mich, ob ich die neue Herberge suche. Sie wäre die Herbergsmutter und würde mich gern mit zur Herberge nehmen. Nach wenigen Schritten standen wir vor einem neuen, grossen Haus mit einem Schild, auf dem u.a. stand ‚Pilgerherberge von Galicien‘. Rasch war ich als Schlafgast registriert, bekam eine Führung durchs Haus – alles vom Feinsten! – und konnte mir ein Bett aussuchen. Da war ich plötzlich unheimlich glücklich. Eine Tür schloss sich und eine andere ist aufgegangen!

Ich war dann allein ein dreigängiges Pilgermenu essen, habe Proviant für morgen eingekauft, geduscht und eine Weile mit dem polnischen Pilgerbruder gesprochen.
Man sagt, auf Jakobswegen bekommt man, was man gerade braucht…