08. April 2023 – Tag 31

Von Tabara nach Santa Marta de Tera

Wetter: Den ganzen Tag sonnig, morgens angenehm frisch, spätestens ab Mittag (eigentlich) zu warm zum Wandern

In dem Schlafsaal mit nur einstöckigen Betten gab es für uns 5 Schlafgäste ein gemeinsames Wecken. Dirk – ein Fahrradpilger – hatte seinen Wecker so laut eingestellt, dass alle aufwachten. Frühstück gab es beim Hospitalero, der den Esstisch schon liebevoll gedeckt hatte. Die Stimmung beim Frühstück war nett und sehr familiär.

Abschied vom Hospitalero und Dirk, die beiden werde ich wohl nicht wiedersehen. Dirk fährt mit einem Hightech-Fahrrad jeden Tag 60 – 80 Kilometer und ist uns schon heute Abend weit voraus. Ich habe mit Dirk viel über technische Details seines Fahrrads gesprochen. Besonders stolz war er auf seine Philosophie des Packens; sprich: Was in welche Packtasche gehört. ‚Daran hätte er die letzten 10 Jahre gefeilt‘ meinte er. Einen besonderen Platz in seinen Packtaschen räumt er einer Flasche Wein und eine Schachtel Pralinen ein.

Die 1137 geweihte Kirche ‚Santa Maria de Tabara‘ mit dem markanten Kirchturm steht auf den Ruinen des vom maurischen Herrscher Almansar zerstörtem Kloster ‚San Salvador‘. Mit bis zu 600 Nonnen und Mönchen war das im 9. Jahrhundert gegründete Kloster eines der wichtigsten religiösen Zentren der Region.

Der Weg aus dem Städtchen verlief zwischen Felder und stieg immer wieder gemächlich an. In einem dieser Anstiege hörte ich jemand von weit hinter mir rufen. Es gab keine Zweifel: Ich war gemeint. Ich fand schnell heraus, dass ich einen Abzweig nach rechts verpasst hatte und in die falsche Richtung lief. Das war schnell korrigiert, aber bei wem kann ich mich nun bedanken? Hinter mir war eine italienische Pilgerschwester, die ich immer wieder einmal treffe. Am nächsten Verschnaufplatz konnte ich sie fragen. Nein, sie sei das nicht gewesen! Den flotten Pilger aus Kalifornien hätte sie aber kurz gesehen. (Von dem habe ich vor einigen Tagen ganz kurz schon berichtet.) Werde ich ihn jemals selbst fragen können?

Ich bin heute mit Mikel aus Connecticut unterwegs gewesen. Er liebt das Wandern auf dem Camino und hat – wir viele, die hier unterwegs sind – schon etliche hinter sich. Er ist selbstständiger Steuerberater und kann sich nicht gänzlich frei nehmen, wenn er in Spanien unterwegs ist. Und so hat er einen Laptop dabei und konferiert immer wieder mit seinen Klienten. Zusätzlich zu seinem Laptop schleppt er auch einen Menge Übergewicht mit sich rum und ist trotzdem schnell unterwegs. Mikel hat sehr viel über die Geschichte des Jakobswegs gelesen und ist ein guter Partner für interessante Diskussionen darüber. Heute Mittag waren wir in einem Dorf am Weg essen und haben dabei fast die Zeit vergessen.

Der Jakobsweg führte heute in die ersten Hügel einer grösseren Bergkette. Die müssen wir auf unserem Weg nach Santiago de Compostela in einigen Tagen übersteigen, der Pass ist 1‘350 m hoch. Der heutige Tag war ein stetes auf und ab. Steineichen, Thymian und Zistrosen bestimmen das Bild der Vegetation und deren Geruch.

An unserem Ziel, dem Dörfchen Santa Marta de Tera mit 190 Einwohnern, angekommen, standen wir bald vor der Pilgerherberge. Nach einem Rütteln an der Tür öffnete uns Damian, der flotte Pilger aus Kalifornien. Und ja, er war heute Morgen mein Retter.

In der Pilgerherberge von Santa Marta de Tera bleiben wir heute zu dritt: Mikel, Damian und ich. Wir haben uns die örtliche Kirche mit einer alten Jakobus-Steinfigur angesehen. In der Kirche wurden wir auch als Schlafgäste registriert.

Skulptur des Jakobus aus dem 11. Jahrhundert am Portal der Pfarrkirche von Santa Marta de Tera. Sie ist die älteste erhaltene Steinskulptur des Apostels.

Damian wird nach Ende dieses Pilgerwegs zum 17. Mal in Santiago de Compostela ankommen. Das erste Mal sei er 2004 mit seiner Mutter den Camino Frances gelaufen. Sie sei kurz danach an Krebs gestorben. Und dann sei er immer wieder auf verschiedenen Jakobswegen gewesen und inzwischen sei der süchtig danach… Wenn man mit ihm redet, begegnet man einem ganz normalen, netten, interessanten Menschen.

Morgen ist Sonntag hier, Café-Bars zum Frühstücken dürften sehr rar sein und so bin ich nochmal 1 1/2 km auf dem Weg, den wir gekommen sind, zurückgelaufen. Dort gibt es ein kleines Gemischtwarenlädchen, dass leider Siesta machte, als wir am Nachmittag vorbeikamen. Jetzt hatte ich mehr Glück; ich werde morgen also nicht verhungern.

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