Von Mérida nach Aljucen
Wetter: Sommer pur, zum Wandern schon fast zu warm
Ich habe versucht, für euch aufzuschreiben, was der Jakobsweg für mich bedeutet (wenn ich hier vom ‚Jakobsweg‘ spreche, meine ich alle Jakobswege):
Auf dem Jakobsweg fühle ich mich frei, ich kann wirklich ich sein. Ich habe keine Verpflichtungen und keine Pläne über die nächste Etappe hinaus. Es gibt niemand, der etwas von mir will. Es überwiegt Ruhe.
Auf dem Jakobsweg bin ich der Natur sehr nahe und führe ein sehr einfaches Leben. Ich erfahre täglich, was ich (materiell) brauche, um glücklich zu sein.
Auf dem Jakobsweg habe ich nette, ungezwungene Kontakte mit meinen Pilgerbrüdern und -schwestern, aber auch tiefe Gespräche über die für mich wichtigen Themen des Lebens.
Auf dem Jakobsweg kann ich Zeit ganz allein mit mir verbringen. Ich kann zu mir zu finden und mich besser kennen lernen. Ich kann den Sinn meines Lebens suchen.
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Mike, Lukas und ich haben die Herberge von Mérida beim Hellwerden verlassen und kamen schon bald bei stimmungsvollem Licht am Acueducto de los Milagros vorbei.

Wir sind dann den gelben Pfeilen aus der Stadt heraus gefolgt und bekamen in einer Bar am Stadtrand Milchkaffee und ein leckeres Frühstück. Dort setzte sich eine finnische Pilgerin zu uns, die gestern aus Finnland angereist war. Sie läuft die Via de la Plata in 14-tägigen Etappen; mehr Zeit lässt ihr ihrer Beruf nicht. Das letzte Mal ist sie bis Mérida gekommen. Sie sei glücklich, dass sie schon wieder hier sein könne und beklagte sich nicht über den hohen Aufwand für die so kurze Zeit.
Gestärkt sind wir eine Weile neben einer Ausfahrtstrasse nach Norden gelaufen, und dann entlang eines Sees mit einem römischen Aquädukt. Das letzte Stück des Weges führte wieder über grüne Hügel, mit vielen blühenden Pflanzen unter Steineichen, Ginster und Zistrosen. Die Frühlingsstimmung dort in den Hügeln hat mir ausgesprochen gut gefallen. In diesen Hügel ist auch Kim wieder zu uns gestossen.

Das Dorf Aljucen, unser Etappenziel, hat sich fein gemacht für die Jakobsweg-Pilger. Es gibt ein paar Bänke zum Sitzen, ein Wandbild vom Apostel Santiago und der Hinweis, dass es noch 740 km bis Santiago de Compostela sind. Ich denke, die schaffe ich!

Die Pilgerherberge, in der wir untergekommen sind, wird mit Liebe geführt. Sie hat 24 Betten in 3 Räumen, eine kleine Küche und je eine Dusche/Toilette-Kombination für Frauen und für Männer. Sie ist heute gut zur Hälfte belegt.
Zu Abend gegessen haben wir heute zu siebt. Wir haben draussen gesessen und ein 3-gängiges Pilgermenü genossen. Es war wie ein Treffen mit guten Freunden. Die Sonne ging unter und ein toller Tag ging zu Ende.
