Von Granja de Moreruela nach Tabara
Wetter: Morgens sonnig und frisch, nachmittags sommerlich warm
Nach dem gestrigen Gewaltmarsch habe ich heute verschlafen. Das war kein besonders guter Start in den Tag. Ich habe dann erst einmal in der Café-Bar neben der Herberge gefrühstückt und dabei einen Plan für den heutigen Tag gemacht.

Drei Kilometer entfernt von Granja de Moreruels, aber abseits vom Jakobsweg, gibt es die sehenswerten Ruinen des Monestario de Santa Maria de Moreruela, ein Kloster der französischen Zisterziensermönche. Diesen verwunschenen Ort habe ich besucht und mir angeschaut.

Zurück in Granja de Moreruels, habe ich etwas getrunken, ein paar Schockies gegessen, und habe dann mit etwa 3 Stunden Verspätung meine heutige Etappe gestartet. In Faramontanos de Tabera hätte ich sie gern beendet, aber dort war die Pilgerherberge zu. Und so musste ich zur nächsten laufen. Dort bekam ich ein Bett und da der Herbergsvater für alle gekocht hat, auch ein leckeres Abendessen.
Mehr zu diesem interessanten Tag später.
Nachträglich hinzu gefügt:
Für mich ist die Wanderung von Cadiz nach Santiago de Compostela keine sportliche Aktivität, die ich als 70+ erfolgreich und schnell absolvieren möchte. Sie ist während ihrer Dauer ein wichtiger Teil meines Lebens, den ich gern aus verschiedenen Blickwinkeln neugierig betrachte. Mich interessieren die anderen Menschen, die mit mir auf diesem Weg laufen. Manchmal möchte ich u.a. auch gern nachempfinden können, wie Menschen an den Jakobswegen vor hunderten von Jahren gelebt haben.
Hier in Granja de Moreruels gibt es nun die Möglichkeit, die gut erhaltenen Ruinen eines grossen Klosters zu besichtigen. Dafür musste ich den Jakobsweg für ein paar Stunden verlassen.
Das Kloster Moreruels wurde im Jahre 1143 gegründet und hatte schon bald einen bedeutenden Einfluss auf die Bevölkerung. Die heutige Kirche stammt aus dem 12. Jahrhundert und wurde im gotischen Stil gebaut. Sie hat für die damaligen Verhältnisse mit ihren 63 m Länge und einem Querhaus von 27 m Breite in Form eines Kreuzes gigantische Ausmasse.
Die Klosterruine wurde 1931 zum Nationaldenkmal (Bien de Interés Cultural) erklärt. Sie befinden sich in einer wunderschönen Landschaft in der Nähe des Flusses Esla. Auf dem Weg dorthin schien ich der einzige Mensch zu sein. Um das grosse Areal mit den Ruinen gab es einen hohen Zaun mit einem verschlossenen Tor. Ein Schild informierte mich über die Öffnungszeiten: Ab 10 Uhr stand dort, im Sommer wie im Winter! Puh! An so etwas hatte ich gar nicht gedacht. Als ich dort ankam, war es erst 8:30 Uhr.
Ich bin dann ein Stückchen am Zaun auf und ab gelaufen. Es war schnell klar, dass der gebaut wurde, um Eindringlinge den Zugang zu versperren, auch neugierigen Pilgern wie mich.
Kurze Zeit später fuhr ein kleines, rotes Auto vor. Aus stieg ‚Graf Dracula mit einer markanten Zahnlücke‘. Er grüsste mich, öffnete das Tor, fuhr aufs Ruinengrundstück, schloss das Tor wieder, zeige auf seine Armbanduhr, nuschelte ‚a las 10 en punto‘ und verschwand in einem kleinen Gebäude am Rand der Ruinen.
Das machte mich wütend. Will der mich nun über 1 Stunde vor dem Tor warten lassen, wo wir doch die einzigen Menschen weit und breit hier waren?
Schon nach wenigen Minuten hatte der ‚Herr der Ruinen‘ Verständnis für mich, öffnete das Tor und lud mich in sein Büro ein mit interessanten Info-Tafeln zum ehemaligen Kloster.

Ich nehme an, dass auch ihm schnell klar war, dass mein Spanisch nicht viel weiter reicht als zum Bestellen von Milchkaffee, aber er schenkte mir eine komplette Führung durch die Klosterruinen im Spanisch der Region und wurde dabei immer sympathischer.

Am Ende schenkte mir der ‚Herr der Ruinen‘ eine kleine Broschüre über die Klosterruinen und Zeit für mich, um noch einmal alles allein anzuschauen und Fotos zu machen. Damit machte er mir eine grosse Freude.

Um 10 Uhr, als das Tor endlich offiziell geöffnet wurde, war ich schon wieder auf dem Rückweg zum Jakobsweg.
Zurück in Granja de Moreruels sass ich eine Weile neben der Kirche vor dem einzigen Laden des Örtchens. Ich hatte mir dort eine Orangenlimonade und einen Schokoladenstängel gekauft und dabei auch nach mit Erlaubnis des Ladenbesitzers ein Foto vom Laden gemacht. Der kleine Raum schien alles zu bieten, was man zu Leben braucht. Viel Platz für die Kundschaft gab es nicht. Nur die zu einem Einkauf gehörigen Menschen durften ihn betreten. Alles anderen warteten draussen vor der Tür, bis sie an der Reihe waren.

In Granja de Moreruels beginnt der Camino Sanabres als Abzweig von der Via de la Plata, die von hier weiter nach Norden zur Stadt Astorga und dem Camino Frances verläuft.

Auf dem Camino Sanabrés führt der Weg durch eine spanische Urlandschaft in nordwestlicher Richtung zu einer Bergkette, die die Grenze von Kastilien zu Galicien darstellt. Nach Überschreiten des höchsten Passes, der ‚Portilla de Padornelo’ auf 1’352 m, ist man bald in Ourense, einer alten römischen Bäderstadt am Ufer des Flusses Miño. Ihr Goldreichtum in vorchristlicher Zeit hat angeblich die Phönizier motiviert, von Cádiz bis Orense eine Strasse zu bauen. Von dort sind es dann nur noch 100 km bis nach Santiago de Compostela.
Noch in Basel hatte ich beschlossen, auf dem Camino Sanabrés nach Santiago de Compostela zu laufen. Den Camino Frances von Astorga nach Santiago de Compostela bin ich schon zwei Mal gelaufen.

Am Abzweig des Camino Sanabrés von der Via de la Plata hatte ich das Gefühl, dass dort ein neuer Abschnitt meiner Pilgerreise begann.
